Scrivener ist mein Lieblingstool für große Schreibprojekte – und es ist mehr als nur ein Schreib-Tool: Es hilft dir auch, lange Textprojekte zu organisieren und alles im Blick zu haben. Für meine Doktorarbeit z. B. war Scrivener ein echter Gamechanger!
Das Tool ist sehr umfangreich – und natürlich kann gerade das am Anfang verwirrend sein. Womit soll ich anfangen? Was muss ich wissen, um überhaupt einen Text in Scrivener schreiben zu können? Und was brauche ich erstmal nicht?
In einem anderen Artikel habe ich ein paar allgemeine Tipps für das Einarbeiten in Tools zusammengestellt. Aber in diesem Artikel geht es konkret um deinen Start in Scrivener. Mit meinen Tipps fällt dir der Einstieg leicht – und bald schreibst du deine langen Texte ganz entspannt mit mehr Organisation und weniger Kopfzerbrechen.
1. Scrivener herunterladen und ausgiebig testen!
Von Scrivener gibt es keine kostenlose Version; wenn du das Tool langfristig nutzten möchtest, musst du es dir kaufen (als Einmalzahlung; Scrivener ist kein Abo).
Aber bevor du dich entscheidest, kannst du Scrivener 30 Tage lang kostenlos ausprobieren. Anders als bei vielen anderen Tools zählen die 30 Tage aber nicht ab dem Datum des Herunterladens, sondern nur an den Tagen, an denen du es tatsächlich verwendest. Wenn du es einen Monat lang jeden Tag nutzt, geht dein Testzeitraum einen Monat lang – wenn du es nur einmal die Woche nutzt, hast du 30 Wochen Zeit.
Wenn du die Testversion heruntergeladen hast, musst du dich also nicht stressen und in den nächsten Tagen möglichst viel darin ausprobieren – sondern du kannst dein erstes Scrivener-Schreibprojekt ganz entspannt angehen. 30 Tage reine Nutzungszeit reichen vielleicht schon für ein kleineres Schreibprojekt – aber auf jeden Fall reicht es, um Scrivener ausgiebig zu testen und hinterher wirklich zu wissen, ob es das richtige Tool für dich ist.
2. Weniger ist anfangs mehr: Beginne langsam!
Scrivener ist sehr umfangreich und kommt mit einem ausführlichen Handbuch (auf Englisch). Wie sollst du das alles lernen?
Die Antwort ist: Gar nicht! Lass dich nicht von den vielen Informationen erschlagen. Du musst nicht alle Funktionen kennen und beherrschen, schon gar nicht am Anfang. Viele Funktionen wirst du vermutlich nie für deine Schreibprojekte brauchen.
Für den Einstieg reichen ein paar Grundfunktionen, um überhaupt loslegen und deinen ersten Text in Scrivener schreiben zu können. Alles andere kommt dann nach und nach. Manches wirst du selbst herausfinden; manches wirst du im Handbuch nachlesen oder dir in einem Tutorial-Video anschauen.
3. Die wichtigsten Funktionen für den Anfang
Der Editor mit Textverarbeitungsfunktionen zum Schreiben, die Mappe (Binder) zum Organisieren deiner Textabschnitte und der Inspektor für zusätzliche Informationen – das ist erstmal alles, was du brauchst, um loszulegen. Diese Funktionen gehe ich hier Schritt für Schritt durch – schau sie dir in Ruhe an und probiere sie dann gleich beim Schreiben deines ersten Textes aus!

3.1. Der Editor
Im Editor, der in der Mitte angezeigt wird, schreibst du deine Texte. Der Editor wird dir schnell vertraut sein, denn darin findest du ganz normale Textverarbeitungs-Funktionen, die du aus anderen Schreibprogrammen kennst: fett, kursiv, unterschiedliche Schriftarten oder -farben, farbliche Markierungen und mehr. Auch Tabellen, Aufzählungen, Bilder oder Fußnoten kannst du einfügen.
Neu und anders als in anderer Textsoftware ist dagegen, dass du hier nicht deinen ganzen langen Text auf einmal siehst – sondern nur den Teilabschnitt, an dem du gerade arbeitest. Dieser Abschnitt kann so lang oder kurz sein, wie du möchtest und wie es für deine Arbeitsweise oder deinen Text passt. So kannst du dich auf genau diesen Teil konzentrieren und dein großes Schreibprojekt in kleine Abschnitte aufteilen.
3.2. Die Mappe (Binder)
Auf der linken Seite siehst du die Mappe mit dem Draft (Manuscript)-Bereich, in dem du deine Text-Teile organisieren kannst. In einem neuen Projekt ist die Mappe noch leer, und wenn du anfängst, deine einzelnen Texte zu erstellen, füllt sie sich nach und nach.
Die einzelnen Texte in der Mappe kannst du jederzeit hin- und herschieben – nach oben oder nach unten sowie untergeordnet oder übergeordnet. Neben einzelnen Texten kannst du in der Mappe auch Ordner anlegen, um z. B. alle Texte für ein Kapitel zusammenzufassen.
Dank der Mappe kannst du ganz einfach durch dein Projekt navigieren und zwischen Textdokumenten hin- und herspringen – ohne lange scrollen & suchen zu müssen. Das mag bei kleineren Schreibprojekten noch nicht so wichtig sein, aber bei langen und komplexen Texten ist es ein echter Gamechanger!
Wenn dein Text später fertig ist, kannst du alles als einen zusammenhängenden Text exportieren – aber das ist eine der Funktionen, die du am Anfang noch nicht genauer kennen musst.
3.3. Der Recherche-Ordner
Neben dem Draft (Manuscript)-Bereich findest du in der Mappe den Recherche-Ordner. Hier ist, wie der Name schon sagt, Platz für deine Recherche und Hintergrundinfos – alles, was du beim Schreiben brauchst, was aber nicht in deinen eigentlichen Text gehört.
Auch im Recherche-Ordner kannst du einzelne Texte erstellen und dort z. B. deine Notizen aufschreiben oder reinkopieren. Außerdem kannst du PDFs z. B. mit Fachartikeln oder Bilder mit Info-Grafiken oder Screenshots in Scrivener importieren. Die Dokumente im Recherche-Ordner kannst du ebenfalls in verschiedene Ordner sortieren oder in Hierarchien anlegen und jederzeit hin- und herschieben.
So hast du alles in einem Projekt und kannst Infos schnell aufrufen, ohne stundenlang auf deinem Computer nach Dateien suchen zu müssen und dann beim Schreiben etliche Programme gleichzeitig geöffnet zu haben. Besonders praktisch ist hier auch die Möglichkeit, zwei Editoren nebeneinander zu öffnen und z. B. im rechten Editor an deinem Text zu schreiben und im linken Editor parallel in deinen Notizen nachzulesen.
3.4. Schnappschüsse
Vielleicht kennst du das auch: Du öffnest deinen Text und fängst an, ihn zu überarbeiten. Doch dann musst du aus irgendeinem Grund nochmal etwas in der alten Fassung nachschauen. Oder du merkst, dass du zu viel rausgelöscht hast und diese zwei Sätze gerne behalten wolltest. Was tun? Etliche Male auf „Rückgängig machen“ klicken? Eine alte Fassung suchen und nach der richtigen Stelle durchsuchen?
Mit Scrivener passiert das nicht mehr! Da machst du vor dem Bearbeiten einfach einen Schnappschuss von deinem Text – und schon hast du die alte Fassung gespeichert. So kannst du deine Änderungen jederzeit im Blick behalten und gegebenenfalls schnell rückgängig machen.
Am besten gewöhnst du dir das an: Immer einen Schnappschuss machen, bevor du einen Text bearbeitest. Dann hast du immer alle vorherigen Versionen – und weniger Chaos.
Angezeigt werden die Schnappschüsse im Inspektor.
3.5. Der Inspektor
Den Inspektor findest du auf der rechten Seite. Neben den Schnappschüssen werden hier Fußnoten und Verlinkungen angezeigt.
Denn in Scrivener kannst du Dokumente untereinander verlinken – z. B. den Text zu Thema X aus dem Draft-Ordner mit dem dazugehörigen Fachartikel und der Grafik aus dem Recherche-Ordner. So findest du deine Recherchematerialien beim Schreiben noch einfacher wieder!
Praktisch ist auch die Notizfunktion: Oben auf der Karteikarte kannst du eine Zusammenfassung des Textes erstellen (die dann in Übersichten angezeigt wird – aber das ist auch eine Funktion für etwas später). Unter der Karteikarte ist Platz für weitere Notizen – z. B. To-dos oder kurze Zusatzinfos. Aber natürlich kannst du das handhaben, wie du möchtest – probiere es einfach aus!
Das sind sie – die wichtigsten Grundlagen, um loslegen zu können und deinen ersten Text schreiben zu können.
4. Los geht’s: Projekt erstellen – und Schreiben!
Jetzt heißt es also: Losschreiben! Natürlich kann Scrivener noch viel mehr, als ich in diesem Artikel erkläre, und vielleicht hast du noch Fragen – aber das kommt alles später, nach und nach, bei deiner Arbeit mit Scrivener.
Also hol dir die Testversion (wenn du es nicht schon getan hast), erstelle ein neues Projekt – und fang an, das Ganze in der Praxis zu testen.
Ich empfehle dir, ein neues leeres Projekt zu erstellen, anstatt eine der Vorlagen auszuwählen. Und warum nicht gleich mit einem „richtigen“ Text loslegen? Natürlich kannst du auch erstmal einen Platzhalter-Text zum Ausprobieren nehmen – aber vielleicht hast du irgendwo einen halbfertigen Text oder (wie ich) eine Ideen-Datenbank oder ein Notizbuch mit vielen Ideen für Texte, die nur darauf warten, endlich geschrieben zu werden.
Scrivener ist für große Schreibprojekte gedacht, und dafür empfehle ich es auch – aber fang ruhig erstmal mit einem kürzeren Text an, wie z. B. mit einem Blogartikel, einem Kapitel aus deinem Buchprojekt oder auch einem spontanen Tagebucheintrag. Hauptsache, du kommst ins Schreiben und Ausprobieren! Ums Speichern musst du dir auch keine Gedanken machen, das macht Scrivener automatisch.
Denn gerade, wenn du mit einem richtigen Text arbeitest, wirst du schnell die Grundlagen verstehen – und dann nach und nach weitere Funktionen herausfinden.
5. Weiteres & spezielle Fragen: Handbuch & Videos
Wie erwähnt, kommt Scrivener mit einem umfangreichen Handbuch. Außerdem gibt es eine Sammlung an Tutorial-Videos (auf englisch).
Das ist alles viel zu umfangreich, um es auf einmal durchzuarbeiten – außer, du willst gleich wieder abgeschreckt werden (und das wäre doch schade). Aber wenn du überhaupt erstmal anfängst, nach und nach immer mehr mit Scrivener machst und dann irgendwann spezielle Fragen hast, findest du im Handbuch oder in den Tutorials immer eine Antwort. Und auch dabei gilt: einfach ausprobieren! Und nicht vergessen: gegebenenfalls vorher einen Schnappschuss machen!
Wie gesagt – viele Funktionen wirst du nie brauchen. Ich arbeite seit Jahren mit Scrivener und kenne noch längst nicht alles. Manches habe ich einfach noch nie gebraucht, manches passt nicht zu meiner Arbeitsweise oder zu meinem Projekt. Du kannst dir also genau die Funktionen raussuchen, die du für dein Schreibprojekt brauchst und die dir am besten gefallen.
Fang einfach an – Du wirst sehen: Es klappt, und irgendwann kannst du nicht mehr ohne Scrivener!
Hast du Scrivener schon mal ausprobiert? Oder mit welchem Tool schreibst du am liebsten deine Texte? Schreib es mir gerne in die Kommentare!

Ich mag es, dass du alles so ausführlich beschreibst. Was mich jetzt noch interessiert ist eine kurze Erklärung, warum man so ein Tool überhaupt nützen sollte. Gibt es einen weiteren Blogartikel, der diese Frage beantwortet? Ich meine, warum reicht es nicht, wenn ich meine Texte einfach weiterhin in Word oder direkt in meinem Blogprogramm verfasse? LG Tamara